“FIFA brauchte Maradona für ihr Showbusiness”

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“FIFA brauchte Maradona für ihr Showbusiness”



Er weihte Fidel Castro in die Kunst des Elfmeterschießens ein, er trug das Konterfei von Che Guevara auf dem rechten Oberarm, und er demonstrierte gemeinsam mit Evo Morales gegen George Bush jr.: Diego Armando Maradona struggle nicht nur ein Magier auf dem Feld, sondern auch eine Galionsfigur der politischen Linken in Südamerika. Im Westen galt er vielen wegen seiner bedingungslosen Unterstützung für Kuba und Venezuela dagegen als politischer Wirrkopf. Zu seinem ersten Todestag legt Glenn Jäger mit “In den Farben des Südens” nun eine politische Biografie Maradonas vor, die der Autor als “Verteidigungsschrift” verstanden wissen will. Im Interview mit ntv.de spricht Jäger über einen Fußballer als antikolonialen Rebellen, über Professional-Maradona-Demonstrationen in Bangladesch und die politische Bedeutung der “Hand Gottes”.ntv.de: Sie beenden das Buch mit dem ikonischen Stinkefinger, einem der letzten bleibenden Bilder von Maradona: WM 2018, Argentinien gegen Nigeria, kurz vor Schluss fällt das 2:1 für die Albiceleste, und Edelfan Maradona reckt in Extase zwei Mittelfinger in die Höhe. Erst hat Sie die Geste gefreut, schreiben Sie – verstanden haben Sie den Stinkefinger aber erst später. Was gibt es da zu verstehen?Glenn Jäger: Die Reaktionen am nächsten Tag haben mich schon überrascht, da hieß es, er habe sich danebenbenommen. Für mich struggle das ein Ausdruck der Freude, nicht eine Beleidigung des Gegners. Es struggle auch nicht das erste Mal: Vor einem Spiel mit Neapel gegen Lazio Rom hatte ihn der gegnerische Coach beleidigt, Maradona hat dann drei Tore gemacht – nach dem letzten Treffer ist er zur Financial institution gelaufen und hat ihm den Stinkefinger gezeigt. Aber der Stinkefinger ist auch ein Image. Maradona galt schon in den 80er-Jahren als einer, der aufstand. Gegen die FIFA, die bei der WM 1986 in der Mittagshitze spielen ließ, um in Europa zur besten Sendezeit Livebilder zeigen zu können. Einer, der in Argentinien eben nicht zu River Plate wechselte, zum FC Bayern München Argentiniens, sondern zu Boca Juniors. Und auch politisch hielt er es immer nach dem Motto: Ihr könnt uns mal.Wo stand Maradona denn politisch?Der Untertitel meines Buches, “In den Farben des Südens”, gibt das Leitmotiv vor: Er verkörpert einen Weg der Unabhängigkeit für Lateinamerika. Berühmt ist seine Freundschaft zu Fidel Castro, er hat Kuba immer verteidigt, aber auch gemäßigte Linksregierungen wie unter Kirchner in Argentinien oder Lula in Brasilien. Der gemeinsame Nenner: Ein Kurs, unabhängig von den USA.Es gibt da eine interessante Anekdote: 1987 bot ihm eine Marketingfirma einen Millionendeal an, aber dafür hätte er die doppelte Staatsbürgerschaft annehmen müssen, die US-amerikanische und die argentinische. Maradona lehnte ab, vielleicht damals noch intuitiv, später hat sich das aber zu einem politischen Bewusstsein verdichtet: Wir müssen unseren Weg gehen in Lateinamerika, wir sind nicht der Hinterhof der USA. Und damit hat er die Herzen des Südens gewonnen, auch auf anderen Kontinenten: Nach seiner Dopingsperre bei der WM 1994 sind in Bangladesch und Indien 20.000 Leute für ihn auf die Straße gegangen. Diese Menschen haben in Maradona eine Artwork antikolonialen Rebellen oder Bannerträger des Südens gesehen.Gleichzeitig hat er nationale Regungen zugegeben: Sein größtes Spiel, das WM-Viertelfinale gegen England 1986, wurde ja in beiden Ländern als eine Revanche für den Falklandkrieg 1982 gesehen. “Wir haben an nichts anderes gedacht”, hat Maradona gesagt. Conflict er auch eine Artwork Patriot oder Nationalist? Zur Particular person Glenn Jäger, Jahrgang 1971, ist Geschäftsführer des PapyRossa Verlags in Köln. 2018 hat er das Buch “In den Sand gesetzt – Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022” vorgelegt. So ganz einfach ist das nicht. Patriot schon, im Sinne von: Es ist unser Land und es sind unsere Farben, für die ich spiele. Er hat sich aber auch von der 1982 regierenden Militärjunta distanziert – und gleichzeitig gesagt: Egal, wie man zu der Regierung steht, die Engländer haben auf den Falkland-Inseln nichts zu suchen.Maradona hat sich immer als Mann des Volkes bezeichnet. Tatsächlich hat er sich nicht nur zu seinen Wurzeln im Armenviertel Villa Fiorito bekannt, sondern seine Herkunft auch gelebt. 2005 etwa, als er eine neue Freundin kennengelernt hatte, kam die nicht aus dem Kreis der Stars und Sternchen, in dem er sich bewegte – sondern aus Villa Fiorito. Ist Maradona einer der wenigen, auf die der Satz zutrifft: “Er hat nicht vergessen, wo er herkommt.”?Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich nicht nur zur Herkunft bekennt, sondern auch dann, wenn man plötzlich oben steht, mit dieser Welt fremdelt, in der man plötzlich herumgereicht wird. In seiner Autobiografie schimpft Maradona einmal über ein Treffen mit dem Fürsten von Monaco – der hatte zum Essen geladen, aber am Ende sollte Maradona selbst bezahlen. Er hat viel verprasst – protzige Autos, dicke Uhren -, doch mit der Welt dem Gebaren der Superreichen ist er nie heat geworden.Wie wichtig struggle überhaupt die Politik in Maradonas Leben?Zunehmend wichtig, aber schon auch in jungen Jahren präsent. 1979 wurde Argentinien Juniorenweltmeister, das Workforce wurde im Präsidentenpalast empfangen. Maradona schüttelt zwar dem Präsidenten die Hand, später aber verschenkt er sein Trikot an die Schwester eines politischen Gefangenen. Als er gefragt wird, warum um alles in der Welt er das macht, antwortet er nur: Warum eigentlich nicht?Das struggle seine intuitive Haltung als junger Mann. Erst als Spieler in Neapel hat er sich dann näher mit Che Guevara auseinandergesetzt, dessen Gesicht er in Italien plötzlich auf Fahnen sah, auf Demonstrationen und bei Streiks. In Argentinien wurde Che Guevara entweder verschwiegen oder galt als Terrorist. Schon 1987 dann trifft Maradona erstmals Fidel Castro auf Kuba.Che Guevara und Fidel Castro trug er als Tattoos auf dem Körper, 2000 widmete er den beiden Revolutionären seine Auszeichnung als “Fußballer des Jahrhunderts” … … zum Entsetzen der versammelten Weltpresse, ja. Mit seiner Verehrung für Guevara und Castro hat er zeitlebens nicht hinterm Berg gehalten. Das macht einen Teil seiner Anziehungskraft aus, gerade für viele Menschen aus dem Süden.Hierzulande nennen ihn vor allem bürgerliche Medien dafür einen politischen Irrläufer. Sie wollen Ihr Buch auch als “Verteidigungsschrift” verstanden wissen. Braucht Maradona einen Verteidiger?Ich führe ja einige Nachrufe an, in denen er nicht intestine weg kam. Der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” galt er als einer, der sich “mit den Mächtigen dieser Welt gern verbunden hat” – da fragt man sich, wie viel Macht ein Fidel Castro hatte, gemessen an anderen Politikerinnen dieser Welt, die schonmal in der Kabine der Jungs auftauchen. Ich habe den Eindruck: Als die Drogengeschichten aufkamen, hatten viele Medien erst Mitleid mit Maradona, dann blickten sie auf ihn herab, als er anfing, Kuba, Bolivien, Venezuela und andere Länder Südamerikas zu verteidigen. Da waren rote Linien überschritten. Ich dagegen sage: Es ist legitim, so aufzutreten.In den Nachrufen wurden auch seine dunklen Seiten angesprochen, die teils im Widerspruch zu seinen politischen Überzeugungen standen: Maradona unterstützte den Kampf der feministischen Bewegung in Argentinien für das Recht auf Abtreibung, schlug aber seine Freundin. Wie geht das zusammen? Der Kampf gegen das Abtreibungsverbot hat einfach in der Schicht, aus der Maradona kommt, eine lange Custom. Da hat er klar Flagge gezeigt. Und ja, vom Machismo struggle Maradona nicht frei, und an den Schlägen gegen seine Freundin gibt es nichts zu beschönigen. Interessant ist, dass es in feministischen Kreisen in Argentinien verschiedene Strömungen gibt: Die einen sagen, es ist nicht entschuldbar. Die anderen sagen, sie wollen konkrete Verfehlungen nicht entschuldigen – und trotzdem sei Maradona zu einem gewissen Grad auch Opfer eines patriarchalen Programs.Sie zitieren in Ihrem Buch den großen Autor Eduardo Galeano aus Uruguay, der schrieb, ein Fußballer wie Maradona dürfe immer solange politisch sein, wie er nicht unbequem wird für die Herren der Welt und die Herren der FIFA. Gilt das immer noch?Das denke ich schon. Bei Maradona struggle es so: Er struggle eine Ausnahmefigur, er konnte es sich erlauben, den Mund aufzumachen, ohne dass man ihn absägen konnte. Die FIFA brauchte Maradona für ihr Showbusiness. Siehe die WM 1994 in den USA: Da struggle die Dopingsperre noch gar nicht sauber abgelaufen, aber es wurde dafür gesorgt, dass er match werden und spielen konnte. Eine WM mit Maradona struggle für die FIFA aus Vermarktungsgründen besser als eine WM ohne Maradona.Wäre ein so politischer Famous person wie Maradona heute denkbar? Und wäre es denkbar, dass einer wie Maradona einen Wechsel vollzieht, der sich so falsch anfühlt wie der von Barca zu PSG? Gute Frage. Jedenfalls täte einer wie Maradona der heutigen Zeit ganz intestine. Wobei: Der Journalist Tobias Escher hat geschrieben, dass die heutigen Jugendakademien ihm alle Ecken und Kanten abgeschliffen hätten, das fand ich ganz treffend. Ob es geglückt wäre oder Maradona es mit sich hätte machen lassen, ist eine andere Frage.Das legendäre Tor mit der “Hand Gottes” hätte ihm und Argentinien und allen Fußballfans jedenfalls der VAR genommen …Das macht die Besonderheit der damaligen Zeit aus. Ich will nicht das Für und Wider des VAR diskutieren, aber das hat natürlich was. Dieses Tor will man nicht missen. Wirklich sensationell struggle das Spiel aber erst durch das zweite Tor, den Sololauf über quick den ganzen Platz. Im Spiel lag noch Magie genug, die auch heute gewirkt hätte.Das soll nicht kulturpessimistisch klingen, aber ist mit Maradona die letzte Figur gestorben, die diese Magie des Fußballs, dieses utopische Versprechen des Spiels, nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben verkörpert hat? Ich denke schon. Jedenfalls macht das die große Anziehungskraft Maradonas aus. Ein Journalist hat mal gesagt: Wir erinnern uns nicht nur an sein Spiel, sondern auch daran, wie es sich anfühlte, ihn spielen zu sehen, weil er die Fantasie beflügelte, über das Bestehende hinauswies, sowohl auf dem Platz als auch in seiner politischen Haltung. In dieser Gesamtheit muss man die Figur, den Spieler, den Menschen Maradona sehen.Mit Glenn Jäger sprach Christian Bartlau



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